Die grüne Basis der WM
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Die grüne Basis der WM

Claus Krompfholz - www.gartenberatung-nrw.de - sprach im Holland mit John Hendriks - einem der beiden Lieferanten der WM-Rasen Berlin, Leipzig, Hannover, Hamburg, Dortmund sowie Gelsenkirchen und Köln sind die sieben Treffer, die Hendriks Graszoden (Heythuisen) im Poker um die prestigeträchtige Vergabe der WM-Rasen landen konnte. Dabei hatten die Holländer Anfangs auf ein klares 12:0 gespielt und alle Austragungsorte angeboten. Mit München, Nürnberg, Frankfurt, Kaiserslautern und Stuttgart konnte schließlich Büchner-Fertigrasen (Alsbach-Hähnlein) doch noch für Deutschland punkten und einen Kantersieg der Niederländer verhindern. Welche Faktoren letztendlich spielentscheidend waren, ob sich holländische Technik und Effizienz zurecht gegenüber vermeintliche "Schönspielerei", langsamen und sorgfältigen Spielaufbau oder mangelnde Risikobereitschaft durchgesetzt haben, liegt im Auge des Betrachters. Fakt ist, mit Schwab, Waidhofen und Peiffer aus Willich bleiben zwei der renomiertesten deutschen Rasenproduzenten außen vor. Während Schwab sich erst gar nicht an der Ausschreibung beteiligte, lag es bei Peiffer an den Kosten. Eins ist für John Hendriks sicher: "Es ging erst in zweiter Linie um den Preis." Er ärgert sich über Aussagen in deutschen Medien, die ihn als "billigen Holländer" abqualifizierten und die alte Fußball-Rivalität schürten. "Man findet es ganz normal, dass Mercedes in Holland Autos verkauft. Und wenn ein Holländer dann mal in Deutschland Rasen verkauft, steht die Welt auf dem Kopf." Fachliches Know-How, eine eingespielte Logistik und eine ausreichende Kapitaldecke für die Gewährleistung sind für Hendriks bei der Vergabe letzendlich entscheidend gewesen. "Das Wichtigste für das FIFA-Organisationskomitee war, einen Partner zu haben, dem man das zutraut und mit dem man die WM durchziehen kann." Charakterrasen mit Winterdepressionen Welche Brisanz die Sache entwickelt hat, ist schon erstaunlich. Aus Angst vor Vandalismus wird der Entstehungsort der Bühne für - hoffentlich - fußballerische Höchstleistungen fast gehütet wie ein Staatsgeheimnis. Sicher ist nur: Irgendwo auf den rund 350 Hektar Produktionsflächen nahe dem kleinen Örtchen Heythuisen wächst der Stoff für Fußballträume. Damit Beckham und Co bei ihrer Berufsausübung von Bänderrissen, Zerrungen und Aduktorenproblemen weitgehend verschont bleiben, überlässt das FIFA-Organisationskommitee beim Thema Rasen nichts dem Zufall: Als "Rasenkompetenzteam" wachen die beiden Landschaftsarchitekten Engelbert Lehmacher und Rainer Ernst über die Qualität des WM-Rasens. Gemeinsam mit der Deutschen Rasengesellschaft (DRG) und dem Bundessortenamt hat das ungewöhnliche Team eine Rasenmischung entwickelt, die höchsten Qualitätsansprüchen genügen soll. "Wir wollen einen Charakterrasen", sagt Lehmacher. "Keinen filigranen Zierrasen, sondern ein festes, dichtes und kurz geschnittenes Gras." Für den gewünschten Charakter sollen 75 Prozent Wiesenrispe (Poa pratensis) und 25 Prozent Weidelgras (Lolium perenne) sorgen. "Die Wiesenrispe ist dominant. Weil sie eher in die Horizontale wächst, bleibt die Rasendecke niedrig. Dann ist der Widerstand gering, und der Ball kann gut laufen", weiß Lehmacher. "In den Wintermonaten bekommt die Wiesenrispe allerdings eine Wachstumsdepression. Die wird durch das aggressivere Weidelgras kompensiert." Die Saatgutmischung orientiere sich damit an den Problemstadien, wie Hamburg, Dortmund oder Leipzig, wo der Rasen wenig Licht und Sauerstoff bekomme. Doch bevor letzten März das Saatgut ersten Kontakt mit holländischem Boden aufnehmen durfte, musste die Freigabe durch das Rasenkompetenzteam erfolgen: Wasserdurchlässigkeit und Körnungslinie des Substrats waren vorgegeben und wurden mit 20 bis 30 Proben pro Feld geprüft. Auch andere Kulturfaktoren, wie etwa Wetterdaten, müssen die niederländischen Rasenspezialisten akribisch erfassen und protokollieren. Die Daten über natürlichen Niederschlag, Beregnungsmengen, Anzahl der Mähvorgänge oder Häufigkeit und Zusammensetzung der Düngung muss Hendriks monatlich beim Rasenkompetenzteam rapportieren. "Das ist ein ganzes Buchwerk. Jedes Detail ist hier protokolliert," beschreibt der Herr der Halme die bürokratischen Hürden. Der Streit ums Netz Zwar sind in allen Stadien exakt gleiche Raseneigenschaften gefordert, doch bleibt dem Sodenzüchter trotz des ausgefeilten Regelwerks noch Spielraum, um seine Erfahrung einfließen zu lassen. Für Hendriks bedeutet das, dass sein WM-Rasen - anders als bei dem Grün aus Büchner-Produktion - mit Kunststoffgewebe armiert ist. Nach der Ansaat drücken Spezialmaschinen die Armierung etwa 1,5 Zentimeter in den Boden. "Das machen wir bereits seit Jahren. Und man hat uns dafür fast in der Luft zerrissen," sagt Hendriks über den schwelenden Konflikt um die Kunststoffnetze. "Doch halb Europa spielt mittlerweile auf unserer Sode." Dabei ginge es nicht um eine schnellere Produktion des Fertigrasens sondern um eine Erhöhung der Sodenstabilität. "Ich habe das einmal mit Zinedine Zidane und David Beckham von Real Madrid diskutiert. Die sagten, mit dem Netz hat man einen extra Halt und kann sehr schnell reagieren ohne wegzugleiten," sagt Hendriks. Ein anderer Aspekt wäre, dass bei Beschädigung der Grasnarbe der Platz länger stabil bleibe. Die Entsorgungsproblematik, die in Fachkreisen oft thematisiert wird, weist Hendriks zurück: "Nach dem Abschälen werden die alten Soden pulverisiert. Das Netz aus dem neuen Material Oxygrid zersetzt sich dann mit der Zeit vollständig." In der Ausschreibung stellte man es den Anbietern frei, ob sie mit einer Armierung arbeiten wollen. "Ein Austragungsort hatte Bedenken geäußert und wollte keine Soden mit einer Armierung aus Kunststofffasern im Stadion," sagt Engelbert Lehmacher vom Rasenkompetenzteam. "Darauf haben wir dann auch Rücksicht genommen. Dort verlegt Büchner." Grundsätzlich sieht Lehmacher keine gravierenden Auswirkungen durch die Armierung auf den Spielbetrieb. "Wenn der Rasen optimal gepflegt ist, ist der Unterschied nicht messbar. Bei einer dichten Grasnarbe kommt der Spieler mit den Stollen nicht in den Bereich des Netzes. Bei kleineren Schäden kann die Armierung für zusätzliche Stabilität sorgen." Auch die gelegentlich propagierte Verletzungsgefahr durch ein Hängenbleiben mit den Stollen weist Lehmacher zurück: "Wenn das Garn flächig an die Oberfläche kommt, sind bereits gravierende Pflegefehler gemacht worden. Das darf eigentlich gar nicht passieren. Falls doch, werden die Stellen ausgetauscht." Ob nun mit oder ohne Kunststoffgarn. Die Welt erwartet zur WM eine perfekte Bühne für die Stars. Bleibt zu hoffen, dass traumatische Erlebnisse, wie das Viertelfinale der EM 2004 dem Fußballfan und Rasenliebhaber erspart bleiben: Elfmeterschießen zwischen England und Portugal in Lissabon. Der Rasen mit Armierung. Beckham lief zum ersten Elfmeter an, verlor den Halt mit dem linken Standbein und drosch den Ball samt Elfmeterpunkt so unkontrolliert Richtung Tribüne, dass Uli Hoeneß sich über seinen verschossenen Elfer im EM-Finale 1976 nie mehr schämen muss. Als der Kapitän der Engländer kopfschüttelnd davongeschlichen war, wussten alle nachfolgenden Schützen Bescheid und verrichteten Gartenarbeit: Der Elfmeterpunkt wurde fortan jedesmal ausgiebig platt getreten. Ernte und Verlegen gehen Hand in Hand Anfang Mai fällt für Hendriks der Startschuss: Im Halbstunden-Takt rollen dann Schwertransporter mit tonnenweise holländischem Gras über die Grenze. Etwa drei Wochen beträgt das Zeitfenster für die Zwölf Arenen. Dann darf nichts mehr schief gehen. Der Super-Gau wären drei Wochen Dauerregen oder Schnee. "Wenn`s passiert, dann passiert's eben," sagt Hendriks. "Doch wenn alle ihre Arbeit gut getan haben und die Wasserdurchlässigkeit der Tragschichten gut ist, wird es zwar nicht einfach, doch wir können es. Dann wird das Verlegen eben schwieriger und wir brauchen mehr Zeit." Ein verregneter Frühsommer könnte zudem große Spielschäden auf Grund des aufgeweichten Bodens nach sich ziehen und die Anfälligkeit für Krankheiten erhöhen. Verlegt werden Dicksoden von der Großrolle. Ausgeschrieben war eine Sodendicke von 35 Millimeter. Nach Gesprächen mit den Greenkeepern einigte man sich auf eine etwas stärkere Sodendicke, so dass nun Soden mit einer Dicke von 35 - 45 Millimetern verlegt werden. Geplant ist zurzeit eine Rollenlänge von zwölf Metern bei einer Breite von 1,20 Meter. Zwei Tage plant Hendriks pro Stadion ein. Ernte und Verlegen gehen dabei Hand in Hand: Während in Heythuisen noch geschält wird, wird in Dortmund bereits gelegt. Rund 20 LKW-Ladungen oder 10 000 Quadratmeter sind dabei pro Stadion notwendig - vorgehalten wird das Doppelte. Für diese minutiös geplante logistische Meisterleistung braucht man verlässliche Logistik-Partner. Termintreue und absolute Zuverlässigkeit sind Grundvoraussetzungen in diesem Geschäft: "Das kann man nicht mit jedem Spediteur machen," weiß Hendriks. Per Computer und GPS ist man in der Zentrale von Hendriks Gaszoden jederzeit darüber informiert, wo die Schwertransporter sind. Wenn es der Rasen erst einmal bis zur Baustelle geschafft hat, ist der Rest nur noch Routine. Mit Spezialmaschinen legen die niederländischen Rasenprofis das Grün lückenlos aus. Auf Grund der Dicke und des Gewichts kann dann nichts mehr verrutschen und die Fläche kann sofort von der Crème de la Crème des Weltfußballs für die schönste Nebensache der Welt genutzt werden. Doch für das Hendriks-Team war das noch nicht der Schlusspfiff. Die Ausschreibung verpflichtet die Holländer zu einem Stand-By-Service: Wenn Schäden an der Grasnarbe entstehen kommen die Rasenprofis noch mal ins Spiel. "Wer weiß was alles passieren kann," sagt Hendriks. Wenn 20 000 Fans auf den Rasen laufen und die spielen verrückt und reißen den Rasen raus. Dann geht alles wieder von vorne los."

Claus Krompfholz
info@gartenberatung-nrw.de

 

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